Ingeborg Reichle spricht in Berlin über die Bildwelten der Weltbilder

Blue Marble, Fotoaufnahme der Erde, 70-Millimeter-Hasselblad-Kamera und 80-Millimeter-Objektiv, 7. Dezember 1972. Mit freundlicher Genehmigung der NASA.

Am 10. März 2020 wird Ingeborg Reichle auf der Berliner KAAD-Tagung „Fotografie: Bilder und ihre Wirkung“ einen Vortrag halten über die Bildwelten der Weltbilder von der Antike bis heute: Menschen machten sich zu allen Zeiten ein Bild von der Welt, in der sie lebten und hielten dies entsprechend ihrer Möglichkeiten visuell fest. Die hinter dieser Motivation liegenden Fragen sind über die Jahrhunderte die gleichen geblieben. Sie betreffen die den Menschen umfassende Ordnung und seine Stellung innerhalb dieser Ordnung: Welche Gestalt hat die Welt? Welche Kräfte und Ideen wirken in ihr? Woraus besteht sie? Wie ist sie entstanden? Wie sieht ihre Zukunft aus?

Die Begriffe „Weltanschauung“ und „Weltbild“ verweisen unmittelbar auf die grundlegende Bedeutung des Sehens und der Bildlichkeit für die menschliche Erfahrung von Welt.  Bilder erfüllen für den Menschen eine grundsätzlich orientierende und strukturierende Funktion. Anschaulichkeit als grundlegende Kategorie für unser Verständnis von Welt meint jedoch mehr als eine bloße Reproduktion des Sichtbaren: Die Bildwelten der Weltbilder vermitteln nicht nur ein anschauliches Bild der Welt und des Kosmos beziehungsweise der entsprechenden Vorstellungen. Bildliche Darstellung geht notwendigerweise immer auch mit einer Abstraktionsleistung einher. Daher ist die dargestellte Welt stets eine vom Menschen hervorgebrachte Wirklichkeit und somit einerseits interpretiert und andererseits symbolisch konstruiert. Bilder der Welt sind somit zugleich wirkungsmächtige Instrumente zum praktischen und theoretischen Handeln in der Welt und prägen auf unterschiedlichste Weise die Konstruktion und Imagination von Welt überhaupt.

Die Geschichte der „Welt als Bild“ reicht von kosmologischen Modellbildungen der Antike bis hin zu jüngsten computergenerierten Visualisierungen in den Lebenswissenschaften. Es handelt sich also nicht nur um eine Geschichte wechselnder Weltvorstellungen, sondern zugleich um eine Geschichte wechselnder Darstellungsmethoden und unterschiedlicher Trägermedien: In den Blick gelangt eine Vielfalt an visuellen Medien: Buchmalerei und Computervisualistik, Tafelmalerei und Infografik, Kartografie und Diagramme. In meinem Vortrag möchte ich anhand exemplarischer bildlicher Darstellungen der Welt einige ausgewählte Aspekte der Geschichte der Bildwelten der Weltbilder aufzeigen – wobei diese nur eingeschränkt als lineare Entwicklung zu betrachten ist.

Ingeborg Reichle ist Professorin für Medientheorie an der Universität für angewandte Kunst in Wien und war in den Jahren 2017 und 2018 zudem Abteilungsvorständing der neu eingerichteten Abteilung für Cross-Disciplinary Strategies und entwarf ein integriertes Curriculum für den BA Studiengang Cross-Disciplinary Strategies: Applied Studies in Art, Science, Philosophy, and Global Challenges. Ihr Magisterstudium in den Fächern Kunstgeschichte, Soziologie und Klassische Archäologie schloss sie an der Universität Hamburg 1998 ab. 2004 wurde sie mit der Dissertation „Kunst aus dem Labor. Zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft im Zeitalter der Technoscience“ an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. In den Jahren von 2005 bis 2011 forschte sie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu medien- und bildwissenschaftlichen Themen in den interdisziplinären Arbeitsgruppen „Die Welt als Bild“ und „Bildkulturen“ und gründete 2005 das Junge Forum für Bildwissenschaft und war Mitherausgeberin einer Sammlung von Texten über die Bildwelten der Weltbilder: Atlas der Weltbilder, hg. Zusammen mit Christoph Markschies, Jochen Brüning und Peter Deuflhard (Akademie Verlag 2011). 2010 bis 2012 war sie Mitglied im Lenkungsausschuss des Jahresthema „ArteFakte – Kunst ist Wissen – Wissen ist Kunst“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. In den Jahren von 1998 bis 2005 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin und war zudem am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität tätig. Nach der Habilitation im Jahre 2013 mit der Schrift „Bilderwissen – Wissensbilder. Zur Gegenwart der Epistemologie der Bilder“ an der Humboldt-Universität zu Berlin war sie von 2014 bis 2015 FONTE Stiftungsprofessorin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Mitbegründerin der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Bildwissenschaft und aktives Mitglied der US College Art Association (CAA), der International Association for Aesthetics (IAA) und der International Association of Bioethics (IAB). In Wien ist sie Co-Chair der LASER Talks (Leonardo Art Science Evening Rendezvous). Der aktuelle Schwerpunkt ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit liegt auf dem relationalen Verhältnis von Gegenwartskunst und Naturproduktion in den Technowissenschaften (Biotechnologie und Synthetische Biologie). Ein weiteres Forschungsfeld ist der Aufstieg neuer Kartografien zeitgenössischer Kunst, die sich im Zuge der Globalisierung und der Herausbildung neuer postkolonialer Konstellationen in einer zunehmend globalen Kunstwelt etablieren.

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